Endspiel-Theater
Thomas Zollinger
Im Juni 1995 ist in der Basler Zeitung ein aufschlussreicher Beitrag zur Situation des heutigen Theaters erschienen. Er dürfte zwei Jahre danach nichts von seiner Aktualität eingebüsst haben - immerhin resümiert er das zeitgenössische Theater seit Samuel Beckett. Ich teile den nicht eben schmeichelhaften Befund des Autors, Joachim Johannsen, bis zur letzten Zeile. Es hätten jedoch noch mehr Zeilen geschrieben werden müssen.
Beckett und Grotowski
Es gibt Lichtblicke in der Entwicklung zeitgenössischen Theaters, nur scheinen sie abseits auf. Joachim Johannsen hat sie ausgeblendet. Das hat er - wie ich vermute - aus einem Abgrenzungsbedürfnis heraus getan, und nicht aus Leichtsinn oder Unkenntnis. Irgendwo muss sich ja Theater von Tanz oder Kunst, Performance, oder gar dem Leben unterscheiden, was wäre denn sonst noch Theater? Wo Johannsen findet, das "Endspiel" sei noch lange nicht zu Ende gespielt (Beckett sei hier ausdrücklich und namentlich genannt), sind andere daran, es ausserhalb der Bühnen zu Ende zu spielen, zum Preis eben dessen, was wir normalerweise unter "Theater" verstehen (1).
Gemeint ist einmal jene Entwicklung im zeitgenössischen Theater, die mit dem Namen Grotowski verbunden ist. Jerzy Grotowski hat an einem bestimmten Punkt seiner Forschung mit dem "poetischen Theater der alten und neuen Mythen" aufgehört - ein Zitat von Joachim Johannsen, und eines der drei Prinzipien, die im Theater seiner Meinung nach in den letzten 40 Jahren zur Anwendung gelangten, neben dem "repräsentierenden Stadt- und Staatstheater" und dem "kritischen Theater der Revolte und des Absurden". Bezüglich des "Theaters der alten und neuen Mythen" schreibt er dann: "Dass auch dieses letzte Prinzip leerläuft, weil man sich in ihm ausruht, hat man noch nicht begriffen." Zumindest Grotowski hat sich nicht ausgeruht, und dies schon vor bald 25 Jahren. Er wäre übrigens, so denke ich, als Vertreter eines "... Theaters der Revolte", wenn auch immer noch nicht angemessen, so doch etwas fairer schubladisiert. Grotowski hatte nach der Essenz des Theaters gesucht, alles reduziert, was zu reduzieren war, noch über Beckett hinaus. Aufgrund seiner jahrzehntelangen Forschung erkannte er, dass es für ihn schwierig werden würde, weiterhin von sogenannten "Zuschauern" bzw. "Schauspielern" auszugehen. Er suchte diese beiden letztlich übriggebliebenen "Rollen" auch noch zu eliminieren. Der Keim war gelegt zu einem Theater der Teilnehmenden. Theater als ein "Treffen" - wie könnte dies aussehen, ohne dass sich das schale Gefühl von etwas Beliebigem breitmacht? Grotowski hat Antworten auf diese Frage während seiner paratheatralen Phase zumindest skizziert (2). Seine Forschung führte ihn ab 1977 zu einem Theater der Quellen, unter anderem in Haiti und Indien. Heute arbeitet Grotowski über einen längeren Zeitabschnitt mit ausgewählten Schauspielern, ohne eigentliches Publikum. Die Vorführung geschieht letztlich vor den Augen des inneren Göttlichen als ein zwingend notwendiger Akt (3) und - im Sinne eines Austausches - vor Gruppen, die selber Theaterforschung betreiben (4). Noch bleibt bei ihm die Trennung in Regisseur und Spieler (Performer).
Der Abschied vom konventionellen Theater
Thematisierung und Aufhebung der Trennungen
Es gab viele, die Grotowskis Arbeitsweise kennengelernt haben, als er sein Laboratorium in Polen für Interessierte aus aller Welt öffnete. Alle haben von ihm etwas mitgenommen. Die einen haben seine Trainings verbreitet, aber weiter auf konventionelle Art Theater gemacht, auf diese Weise Grotowskis künstlerische Leistung ignorierend. Andere haben das Ergebnis seiner Forschung ernster genommen, und da weitergemacht, wo Grotowski doch nicht weitermachen wollte (oder eben anders weitermachen wollte: abgeschieden, in intimerem Rahmen).
Und dann gibt es eben jene, die das Endspiel gesellschaftsbezogener zu Ende zu spielen versuchen - weniger abgeschieden. Wie denn? Einmal geht es darum, die Fragen, die Grotowski aufgeworfen hat, ernstzunehmen. Es gilt Abschied zu nehmen vom konventionellen Theater, und zwar radikal: keine Trennung mehr in Zuschauerraum und Bühne. Die Zeiten des Schauspiels und auch der Performance (im Sinne von Vorführung) sind vorbei. Mit Kunst hat beides nichts mehr zu tun (mit Kunsthandwerk schon). Die Frage lautet jetzt, an die Arbeiten von Grotowski und verschiedenen von ihm inspirierten Gruppen anknüpfend: Wie kann ein Treffen von beliebigen Menschen in einem bestimmten Raum aussehen? Wie kann sich ein derartiges Treffen entwickeln, wenn es sich direkt unberechenbaren Energien von aussen (öffentlicher Raum) aussetzt, ohne dass die Mache von Animation - beziehungsweise Strassentheater bemüht werden muss? Wie verhalten sich die Räume zueinander, in denen Kunst, Theater, Leben (oder alles zusammen) geschieht? Wie können sie aufeinanderbezogen werden?
Die Zeit ist reif für Ritual Theater
Der Begriff "rituelles Theater" ist mit Artaud zum ersten Mal aufgetaucht. Auch Grotowski hat sich auf ihn bezogen - bezüglich der Fragestellungen. Die Antworten wiesen dann in eine andere Richtung. Neuerdings gibt es, von Amerika her kommend, Ritual Theatre Labs, denen allerdings eine sehr schamanistische Prägung eigen ist (Gabrielle Roth). Ihre originellen Ansätze bleiben auf dem Niveau des Rituals stecken. Im Ritual zeigen sich die Trennungen noch durch das Dazwischenschalten des Schamanen oder des Zeremonienmeisters. Das gleiche gilt übrigens für die mittlerweile erfolgreich im Westen wirkenden Osho-Jünger (ehemals Bhaghwan). Tantragruppen und Körpertherapien gedeihen vorzüglich, mehr als ein Kreativitätstraining und die Befreiung des Ausdrucks liegen hier aber nicht drin. Ich erwähne sie in diesem Zusammenhang, weil sie die Sexualität als unmittelbares Energiepotential in den Mittelpunkt rücken und damit die Arbeit mancher fortgeschrittenen Theater- oder Tanzgruppe wesentlich beeinflussen könnten.
Ein "Zen-Theater" - würde es existieren - stünde mir näher. Fluxus-Events der 60er Jahre, Performance Art, Performance Theater könnten als Brücken dienen. Ich denke hier an Arbeiten von Norbert Klassen (Bern), beispielsweise "Winterreise" (5). In diesem 12 Stunden dauernden Performance Theater sind die Trennungen zumindest im Ansatz thematisiert - der Besucher kann sich in einer Landschaft von sich zeitlupenmässig bewegenden Performern und präzis installierten Requisiten bewegen. Er ist im Kommen und Gehen explizit frei. Zudem gewinnt der Faktor Zeit an Bedeutung. Diese und ähnliche Arbeiten sind meinem sicheren Gespür nach wesentlich für ein in die Zukunft weisendes Verständnis von Theater und Kunst (6).
Das alles sind Strömungen abseits der grossen Häuser, der grossen Autoren, der grossen Schauspieler. Ich schliesse die kleinen und die vielen freien Gruppen mit ein - sie sind schon zu nahe beim Grossen - auch die Zuschauer (das ganze sogenannte Alternativpublikum zähle ich mit) sind in einem prinzipiellen Sinn verstanden zu nahe dran. Alle sitzen sie einem aufgebauschten Grossen auf, welches die Trennungen voraussetzt und als recht angenehmer, mittlerweile künstlerisch wertloser Trugschluss funktioniert. Spieler und Publikum bedingen einander, gleichzeitig behindern sie sich hinsichtlich einer substantiellen Weiterentwicklung gegenseitig. Bei Gelegenheit werden die Trennungen immerhin beklagt (heute leider wieder weniger als z. B. in den 60er Jahren). Das heisst vorerst einmal, dass ein Malaise wahrgenommen wird. Was darauf folgt, ist dann in den meisten Fällen ein selbstgenügsames Treten an Ort eines Theaters, das nur mit Mühe das Notwendige wenigstens versucht, nämlich sich von den Fesseln einer zweieinhalbtausendjährigen Tradition zu lösen. Dazu genügt es nicht, Becketts "Endspiel" zu zelebrieren und der Konsequenz dieses Autors nachzugrübeln. Ebenso wenig bringt die "Publikumsbeschimpfung" von Peter Handke, wenn darauf nicht eine "Schauspielerbeschimpfung" oder eine "Künstlerbeschimpfung" folgt - doch wer nimmt sich ihrer an? Natürlich ist der einigermassen engagierte Zuschauer (oder Zuhörer) betroffen oder geistig angeregt, was auch immer. Doch, mit Verlaub, haben da all die grossen und kleinen Häuser, Autoren Schauspieler und Performer ihr Publikum (und sich selber) nicht an der Nase herumgeführt und wieder einmal vom Eigenen abgehalten? Mit Kunst hat das nichts mehr zu tun, heute.
Es gibt ihn heute nicht mehr, den Zuschauer!
Ritual Theater - das Endspiel des emanzipierten Zuschauers
Ritual Theater ist das "Endspiel" par exellence - jetzt nicht mehr von einem Autor für ein Theater geschrieben und von einem Publikum betrachtet. Ritual Theater ist das vermutlich noch lange nicht ausgestandene "Endspiel" des emanzipierten Zuschauers. In diesem Stück nimmt er sich als Akteur wahr (die Ausgangsaktion: dasitzen, zuschauen), und er ist bereit, zu seiner neuen "Rolle" ja zu sagen. Theater reduziert sich nun auf die konkrete Handlung (oder Nicht-Handlung). Die bearbeiteten Themen, die präsentierten Inhalte, das sogenannt Dramatische, die Darstellung, sie weichen den sich ergebenden Themen und Inhalten (wenn es überhaupt noch welche gibt). Darstellung gibt es keine mehr, denn Darstellung setzt die Trennungen voraus. Das Drama reduziert sich auf ein eigentliches Nicht-Drama, welches das sogenannt Grosse als etwas Aufgebauschtes entlarvt - Beckett lässt grüssen. Das Nicht-Drama entsteht mit der Wahrnehmung der sich selbst genügenden Handlungen oder Nicht-Handlungen. Dieses ist die Basis des neuen Theaters - ist es noch "Theater"? Auf alle Fälle kehrt es zu den Ursprüngen zurück, und dies erst noch auf der Schwelle zum 3. Jahrtausend.
Und der ehemalige Zuschauer? Er ist auf dem besten, aber beschwerlichen Weg zum Aktionskünstler. Er vereint in sich - dies aus dem Bauch gesprochen - einen Manager, Butoh-Tänzer, Zen-Uebenden, Tantra-Praktizierenden.
(1) "Die Botschaft der Flaschenpost ohne Adresse"/"Die Gärten der Freiheit oder zum Grenzwert Null", Joachim Johannsen (BaZ 12./13. Juni 1995)
(2) "Der nackte Schauspieler, Entwicklung der Theatertheorie Jerzy Grotowskis"Barbara Schwerin von Krosigk (publica Verlag, Berlin 1986)
(3) "Rituelle Künste", Barbara Schwerin von Krosigk (tanz aktuell 90/11)
(4) "Theaterarbeit mit Grotowski an physischen Handlungen", Thomas Richards (Alexander Verlag. Berlin 1996)
(5) Dampfzentrale Bern (1988)
(6) z. B. "24 Stunden Happening", Joseph Beuys und andere (5. Juni 1965 in Wuppertal)
Die weibliche Schreibweise ist in der männlichen enthalten.
(aus: "Dossier Kunstraum" zum 12 STUNDEN GEHEN 1997)